Pflege braucht Sprache und Heimat: Warum Pflege und Medizin kulturell verwurzelt sein müssen
Standpunkt · 23. Oktober 2026 · von Selcuk Ritter von Cankaya, Präsident des St. Lukas Hospital Ordens
Pflege ist mehr als Handgriffe. Wer einen Menschen wäscht, ihm Medikamente gibt oder nachts an seinem Bett sitzt, muss ihn verstehen: seine Worte, seine Sorgen, seinen Humor und seine Erinnerungen. Pflege lebt von Vertrauen, und Vertrauen entsteht durch Verständigung. Für Ärztinnen und Ärzte gilt das genauso.
Zuerst die Fakten
Für die Pflege ist Deutsch Pflicht. Wer in Deutschland als Pflegefachkraft arbeiten will, braucht nach dem Pflegeberufegesetz die „für die Ausübung des Berufs erforderlichen Kenntnisse der deutschen Sprache“ (§ 2 Nr. 4 PflBG). In Nordrhein-Westfalen verlangt die Bezirksregierung dafür das Sprachniveau B2 Pflege des Europäischen Referenzrahmens (Merkblatt Bezirksregierung Münster).
Für Ärzte auch. Ärztinnen und Ärzte aus dem Ausland müssen allgemeine Deutschkenntnisse auf Niveau B2 und medizinische Fachsprache auf Niveau C1 nachweisen, meist in einer Fachsprachprüfung (Regierungspräsidium Baden-Württemberg). Diese einheitlichen Vorgaben gibt es erst seit 2014, als die Gesundheitsminister der Länder sie beschlossen haben (Pharmazeutische Zeitung, 02.07.2014).
In der Luftfahrt ist das selbstverständlich. Piloten müssen ihre Englischkenntnisse nachweisen, mindestens auf ICAO-Stufe 4, sonst dürfen sie nicht fliegen (in Europa geregelt in EASA FCL.055; Überblick bei FlightLogger).
Meine Meinung
Der folgende Abschnitt gibt die persönliche Meinung und die eigenen Erfahrungen des Präsidenten wieder.
Wir pflegen die Generation, die unser Land aufgebaut hat
Die Menschen, die heute krank sind oder gepflegt werden müssen, sind die Generation, die unser Land aufgebaut hat. Ihnen haben wir viel zu verdanken. Sie haben es verdient, von Menschen gepflegt zu werden, die sie verstehen.
Am Sterbebett zählt jedes Wort
Als Krankenpfleger habe ich viele Jahre Patienten betreut. Zu den schönsten Erlebnissen gehörte es, Menschen Hoffnung und das Gefühl von Sicherheit zu geben und sie zu begleiten.
Besonders deutlich habe ich das in der Sterbebegleitung erlebt. Dort entscheidet jedes Wort darüber, ob ein Mensch sich sicher und geborgen fühlt. Man muss verstehen, was er will und was er braucht. Wer in Essen pflegt, begegnet Menschen, die dort geboren sind und achtzig Jahre im Ruhrgebiet gelebt haben. Es ist ein großer Unterschied, ob jedes Wort, auch im Ruhrpott-Dialekt, sofort verstanden wird oder ob man immer wieder nachfragen muss. Und ganz ehrlich: Wer im Sterben liegt, möchte nicht ständig etwas erklären müssen. Er möchte seine Ruhe und eine Begleitung, die ihn versteht.
Was ich im OP erlebt habe
Ich habe auch als Narkosepfleger gearbeitet. Nach der EU-Osterweiterung kamen Narkoseärzte zu uns, die kaum Deutsch sprachen. Sie arbeiteten mit einem deutschen Chirurgenteam zusammen, und das ging oft schief.
Ein Beispiel: Der Chirurg hatte kurz vorher etwas lauter gesagt, dass der Patient sich bewege. Später sagte er: „Wir sind gleich so weit.“ Gemeint war, dass die Operation bald beendet ist. Der Narkosearzt verstand jedoch, der Patient bewege sich, und spritzte ein Medikament zur Muskelentspannung. Die Folge: Der Patient musste nach der Operation noch eine Stunde künstlich beatmet werden.
Ich habe auch erlebt, dass Narkoseärzte Dosierungen falsch angaben, nicht richtig verstanden, um welche Operation es ging und wie lange sie dauern würde, oder auf die Fragen eines Patienten auf dem OP-Tisch nur mit „Wir machen das schon“ antworteten. Diese Patienten hatten Angst, weil sie spürten: Der Arzt hat mich gar nicht verstanden. Wir Pflegekräfte mussten sie dann lange beruhigen.
Dass damals nicht mehr passiert ist, verdanken wir den Pflegekräften jener Zeit. Sie waren hervorragend ausgebildet und haben aufgepasst. Mein Oberarzt sagte einmal zu mir: „Du musst hier massiv aufpassen, dass er keinen Unsinn macht.“ Gemeint war ein Kollege, der die Sprache nicht beherrschte. Das ist keine Diskriminierung. Das ist meine Erfahrung.
Wer würde einen Piloten ohne Englisch fliegen lassen?
Niemand würde einen Lufthansa-Piloten ein Flugzeug fliegen lassen, wenn sein Englisch nicht gut genug wäre. Warum lassen wir es dann zu, dass Menschen im Arzt- und Pflegeberuf arbeiten, die die Sprache eigentlich nicht können? Mit dem Ärzte- oder Pflegemangel allein lässt sich das nicht begründen. Ich möchte meinen Vater nicht in einen Operationssaal schicken, in dem der Narkosearzt die Sprache nicht versteht. Für Pflegekräfte gilt dasselbe.
Sprache allein reicht nicht
Pflegende müssen auch unsere Kultur kennen. Sie müssen wissen, was Karneval ist und was Sankt Martin bedeutet. Wer einer alten Dame aus Duisburg zuhört, die von ihrem ersten Rosenmontag erzählt, oder einem alten Herrn, der im November vom Laternenumzug seiner Kindheit spricht, muss verstehen, wovon die Rede ist. Schon ein Norddeutscher tut sich in Bayern manchmal schwer, ein Bayer in Nordrhein-Westfalen ebenso. Wie viel größer ist diese Aufgabe für Pflegekräfte, die aus einem anderen Land und einer anderen Kultur zu uns kommen?
Qualität darf nicht dem Mangel geopfert werden
Ich beobachte seit Jahren, dass die Qualität in Pflege und Medizin gesunken ist, und zwar deutlich. Früher kamen die Besten auf die Intensivstation. Heute arbeiten dort oft Berufsanfänger direkt nach der Ausbildung, auch an hochkomplexen Geräten wie der Herz-Lungen-Maschine. Das wäre früher undenkbar gewesen. Weil überall Mangel herrscht, wird fast jeder genommen. Mangelnde Sprachkenntnisse sind ein Teil dieses Problems, aber nicht der einzige.
Ein Zertifikat ersetzt kein Gespräch
Die heutigen Sprachzertifikate kann ich nicht ernst nehmen. Ich will niemandem etwas unterstellen, aber ich habe zu oft erlebt, dass das, was auf dem Papier stand, nicht stimmte. Ärzte mit gültigem Nachweis konnten im Alltag kaum Deutsch.
Dabei lässt sich das leicht prüfen: Man führt mit dem Menschen ein ganz normales Gespräch, über das Wetter oder über Politik. Nach wenigen Minuten weiß man, ob er die Sprache versteht oder nicht.
Erst lernen, dann Intensivstation
Als Erstes würde ich eine Regel einführen: Berufsanfänger kommen nicht auf die Intensivstation und nicht in den OP. Sie sollen zuerst mehrere Jahre auf der Inneren Medizin und in der Chirurgie die klassische Krankenpflege lernen. Erst danach gehören sie an die schwierigsten Stellen. Für junge Ärztinnen und Ärzte sollte dasselbe gelten.
So halten wir es selbst
In den Lukas-Pflegediensten führen wir mit jedem Bewerber ein persönliches Gespräch. Sicheres Deutsch und Verständnis für die Menschen in unserer Region sind bei uns Voraussetzung. Unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind fast alle hier geboren und aufgewachsen und kennen die Menschen, die sie pflegen.
Meine Schlussfolgerung
Krankenpflege und Medizin müssen kulturell verwurzelt sein. Deshalb bin ich der Meinung: Die Anwerbung ausländischer Pflegekräfte ist nicht unsere Lösung für den Pflegenotstand. Wir müssen vor allem hier ausbilden, den Beruf hier attraktiv machen und Menschen hier für Pflege und Medizin gewinnen.
Das ist keine Absage an Zuwanderung. Als Ordensritter des Lukas-Ordens bin ich für Einwanderung. Wer zu uns kommt, ist willkommen. Und ich habe großen Respekt vor den Kolleginnen und Kollegen aus dem Ausland, die heute schon in Pflege und Medizin arbeiten, unsere Sprache gelernt haben und unsere Kultur kennen und achten. Aber wer bei uns pflegt oder behandelt, muss unsere Sprache sicher sprechen und unsere Kultur kennenlernen. Das sind wir den Menschen schuldig, die sich uns anvertrauen.
Was wir uns wünschen
- Sprache vor dem Einsatz am Patienten: Wer in Pflege oder Medizin arbeitet, muss die Sprache beherrschen, bevor er Verantwortung für Patienten übernimmt, nicht erst danach.
- Echte Prüfung statt Papier: ein persönliches Gespräch mit erfahrenen Kollegen, nicht nur ein Zertifikat.
- Keine Berufsanfänger auf Intensivstation und im OP: erst mehrere Jahre Innere Medizin und Chirurgie, für Pflege wie für Ärzte.
- Mehr Ausbildung vor Ort, gerade auch für Menschen, die schon länger hier leben.
- Sprache und Kultur als Teil der Ausbildung: Bräuche, Feste und Glaube der älteren Generation gehören in den Unterricht.
- Zeit für Gespräche im Pflegealltag, denn Pflege ist Beziehung.
Unser Leitsatz lautet: „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“ (Mt 25,40) Dazu gehört für mich, dass alte und kranke Menschen von jemandem gepflegt und behandelt werden, der sie versteht.
Selcuk Ritter von Cankaya, Präsident des St. Lukas Hospital Ordens