Aktuell
Zurück zum Blog
AktuellStandpunkt4 Min. Lesezeit

Niemand darf allein sterben: Was wir aus der Corona-Zeit nicht vergessen dürfen

Standpunkt · 23. Oktober 2026 · von Selcuk Ritter von Cankaya, Präsident des St. Lukas Hospital Ordens

Die Corona-Zeit liegt einige Jahre zurück. Viele möchten sie vergessen. Ich kann und will das nicht. Denn in dieser Zeit ist alten, kranken und sterbenden Menschen schweres Unrecht geschehen, und es ist bis heute nicht aufgearbeitet.

Zuerst die Fakten

Besuchsverbote in Heimen und Kliniken. In der Pandemie wurden Pflegeheime und Krankenhäuser über lange Zeit für Besucher weitgehend geschlossen. Der Deutsche Ethikrat forderte im Dezember 2020 ausdrücklich, dass Bewohnerinnen und Bewohner der Langzeitpflege ein Mindestmaß an sozialen Kontakten behalten müssen (Ad-hoc-Empfehlung des Deutschen Ethikrats, 18.12.2020).

Angst als Mittel der Politik. Im März 2020 entstand im Bundesinnenministerium das interne Papier „Wie wir COVID-19 unter Kontrolle bekommen“. Darin heißt es, man müsse eine „Schockwirkung“ erzielen, und es wird beschrieben, wie Schwerkranke zu Hause um Luft ringend sterben, denn: „Das Ersticken oder nicht genug Luft kriegen ist für jeden Menschen eine Urangst.“ (abgeordnetenwatch.de, 07.04.2020).

Die Aufarbeitung hat gerade erst begonnen. Erst am 10. Juli 2025 hat der Bundestag eine Enquete-Kommission zur Aufarbeitung der Corona-Pandemie eingesetzt. Ihr Abschlussbericht soll bis zum 30. Juni 2027 vorliegen (ZDFheute).

Meine Meinung

Der folgende Abschnitt gibt die persönliche Meinung und die eigenen Erfahrungen des Präsidenten wieder.

Allein am Sterbebett

Alte Menschen, die niemanden mehr hatten, durften nicht mehr besucht werden. Sterbende wurden in ihren letzten Stunden allein gelassen. Eheleute, die ein Leben lang zusammen waren, wurden am Ende ihres Lebens getrennt, weil Besuche verboten waren. Für mich als Krankenpfleger und als Christ ist das bis heute unerträglich. Das muss ich in aller Deutlichkeit sagen: Für mich war das ein Verbrechen an der Menschlichkeit.

Selbst im Krieg gab es Seelsorge

Selbst im Krieg war es selbstverständlich, dass Pfarrer und Priester die Menschen begleiteten. Niemand wurde im Stich gelassen, auch nicht an der Front. Verwundete und Sterbende hatten geistlichen Beistand. In der Corona-Zeit dagegen blieben vielen Sterbenden Seelsorger und Angehörige verwehrt. Das muss man sich einmal vorstellen.

Menschen wurden abgewertet

Ungeimpfte Menschen wurden öffentlich als „das Problem“ hingestellt und massiv abgewertet, auch von Ministerpräsidenten und Oberbürgermeistern. Das werde ich nicht vergessen, und wir alle sollten es nicht vergessen. Wer damals Zweifel äußerte, wurde oft verspottet. Diese „Corona-Idioten“, die damals ausgelacht wurden, haben im Nachhinein in vielem recht gehabt.

Nachbarn zeigten Nachbarn an

Erschreckt hat mich auch, wie schnell Menschen einander gemeldet haben. Nachbarn riefen das Ordnungsamt, wenn mehr als sechs Personen in einer Wohnung waren oder jemand Geburtstag feierte. Das hat mich an das Dritte Reich erinnert, als Menschen sofort gemeldet wurden, wenn sie sich „falsch“ verhielten. Dass diese Automatismen in unserem Land so schnell wieder hochkommen, hat mich sehr erschreckt.

Regeln ohne Maß

Unser Leben wurde so massiv eingeschränkt wie noch nie in der deutschen Geschichte seit Nazi-Deutschland. Viele Vorschriften habe ich als sinnlos erlebt, und über den Nutzen mancher Maßnahmen wird bis heute gestritten. Umso mehr erschreckt mich, dass ein Ministerium bewusst auf Angst und Schock gesetzt hat, statt die Menschen ehrlich zu informieren.

Was wir fordern

  • Ehrliche Aufarbeitung: Ein Corona-Untersuchungsausschuss, der Entscheidungen, Verantwortliche und interne Papiere offenlegt.
  • Konsequenzen: Die Politiker, die die Menschen in meinen Augen so drangsaliert und terrorisiert haben, sollten ihre Ämter verlieren und gehören für mich auch in den Knast.
  • Nie wieder allein sterben: Ein gesetzlich garantiertes Recht für Sterbende auf Begleitung durch Angehörige und Seelsorger, auch in jeder künftigen Krise.
  • Seelsorge ist systemrelevant: Seelsorger und Besuchsdienste gehören zu den Menschen, die immer Zugang haben müssen.

Unser Leitsatz lautet: „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“ (Mt 25,40) Die geringsten Brüder und Schwestern, das waren in der Corona-Zeit die Alten, die Kranken und die Sterbenden. Wir haben sie allein gelassen. Das darf nie wieder geschehen.

Selcuk Ritter von Cankaya, Präsident des St. Lukas Hospital Ordens

Weitere Beiträge